Sandras Frage nach dem Danach
In der eigenen Welt zu leben, das ist die Herausforderung, Sandras Nackenhaare kräuselten sich bei dem Gedanken. Die eigene Welt, wie konnte sie die eigene Welt finden. Sie schaltete das Licht an, es war drei Uhr, draußen hörte sie die langsam zum Leben erwachende Stadt. Die Digitalanzeige ihres Weckers schaltete eine Minute weiter, sie drehte sich nochmals in ihrem warmen Bett um, stand dann aber doch auf. Ihr schwarzes Haar fiel in langen Strähnen auf ihren Rücken. Auf dem Weg ins Bad schaute sie in den Spiegel, der in ihrem kleinen Flur hing, und erkannte wie müde sie aussah.
Sie war als lebende und bekennende Christin stets bemüht sich an alle Forderungen ihres Glaubens zu halten und doch stellte sie sich die Frage ob sie in ihrer Welt die so klein war überhaupt würde ein christliches Leben führen können. Sie schaute in den Spiegel des Badezimmerschrankes. Aber auch der konnte ihr nur eines bestätigen, du bist müde und siehst entsprechend aus. Sandra drehte den Wasserhahn auf und nach rechts, das kalte Wasser rauschte in einem Schwall in das Waschbecken und spritzte ein wenig nach oben. Mit beiden Händen fasste sie in das kalte Wasser und wusch sich das Gesicht, schnell breitete sich die Frische darin aus. Ein weiterer Blick in den Spiegel zeigte jedoch kaum Verbesserungen, sie war müde und sie sah es auch deutlich an den Ringen unter den Augen, ihrem Blick der nicht glänzte sondern matt war und auch ihr Mund brachte kein wirkliches Strahlen zustande.
In Gedanken versunken stand sie da und dachte darüber nach was es bedeutete in dieser und in ihrer Welt zu leben. Was mochte Danach auf sie warten? Ihr christliches Gedankenbild war starr und fest, es wartete das Paradies, Gottes Reich, die Herrlichkeit, wie auch immer sie aussehen mochte. Doch innerlich, wenn sie genau hinhorchte, waren da eher Fragen denn klare feste Bilder eines Reich Gottes. Jesus so sagte die Kirche starb für die Menschen und somit auch für sie, aber warum verlangte ein Vater den Tod des eigenen Sohnes? Und warum war es eine Belohnung für ein christliches Leben danach in eben des Vaters Reich zu kommen? Er verlangte also auch den Tod um in seinem Reich leben zu können.
Sandra nahm die Bürste von der kleinen Konsole unterhalb des Spiegelschranks und strich damit durch ihr Haar.
Wenn er meinen Tod verlangt, dann kann es doch keine Herrlichkeit in seinem Reich geben, es muss also etwas anderes sein, etwas das sie nur glauben musste. Wie einfach es war es zu glauben, es schlichtweg einfach so wie es gesagt wurde zu akzeptieren und schon konnte die Welt im eigenen Seelenfrieden weiter ihre Runden drehen. Aber wenn keiner fragen würde, so dachte sie, dann würde auch keiner seine Zweifel die er oder sie vielleicht hatte kundtun. Und war es nicht so, dass die Zweifler es schwer haben würden. Weil sie eben nicht glauben konnten?
Ein Haar ziepte und Sandra fluchte kurz darüber, ehe sie weiter mit der Bürste das widerspenstige Haar bearbeitete. Sie legte die Bürste wieder zurück auf die Konsole.
Zweifel waren also vielleicht gar nicht erlaubt und wenn sie nicht erlaubt waren, dann würde es vielleicht bedeuten. Sandra konnte diesen Gedanken nicht beenden, denn zu viel Angst steckte ihr wie ein Kloß im Hals und doch ließ er nicht los. Ja wenn der Zweifel nicht erlaubt war, dann gab es vielleicht kein Danach. Vielleicht war alles nur eine Lüge, Jahrhunderte lang aufgebaut um treue Schafe zu züchten und sie in einem Glauben zu lassen der sie beruhigen würde. Vielleicht aber war das Reich Gottes realer als diese Welt, vielleicht war dieses Reich sogar enger an und in dieser Welt als Sandra und alle anderen sich vorstellen mochten. Sie schaute in den Spiegel, das Lächeln bei diesem Gedanken war echt. Ein Lächeln aus ihrem Innern und doch würde sie die Frage des Danach wohl nie für sich beantworten können. Aber nur um den Gedanken zu Ende zu spinnen, gab es jemanden der ihr dies mit Sicherheit einfach bestätigen würde, ihr einmal sagen ja es gibt dieses Reich Gottes? Und was wenn ja, konnte sie diesem Menschen dann Glauben? Danach, dachte sie und griff zu dem kleinen Rasiermesser das neben der Bürste lag, Danach.
Diese Geschichte ist zuerst auf www.Legatur.de erschienen.
Anmerkung des Autors:
Ja diese Geschichte ist durchaus eine nicht unkritische. Sie setzt sich mit dem Glauben auseinander, ist durchaus hart, auch nur aus einer Perspektive gedacht und geschrieben. Und sie regt an, sie regt an zu reden, zu diskutieren, sich Gedanken zu machen. Das war mir bei dieser Geschichte wichtig. Das Sandras Frage nach dem Danach auch durchaus kontrovers diskutiert werden kann ist mir dabei hoffentlich gelungen. Ich würde es mir zumindest wünschen. Diese Geschichte ist mir persönlich wichtig, sie soll dabei aber nicht dazu auffordern einen Suizid als Lösung zu sehen. Sie soll aber dazu anregen, sich über Suizid zu unterhalten, zu verstehen was in einem Menschen vorgehen kann, warum es wichtig ist dieses Thema nicht einfach tot zu schweigen.