Straßenmusik

Sep 25th, 2009 | Filed under Geschichten

Interessiert blickte ich mich um, diese Klänge hatte ich in der Fußgängerzone unserer Stadt noch nicht vernommen, aber irgendwie schien es mir doch vertraut. Eigentlich hatte mein Tag, kurz zusammengefasst, mies begonnen und er wollte auch nur so weiterlaufen. In der Bank war alles einfach schlichtweg stressig, die Klimaanlage war ausgefallen und die schwüle Hitze ließ mein Hemd sofort am Körper kleben. In der Bank, in der ich arbeitete, war es natürlich ohne Klimaanlage schnell stickig und die Hitze von draußen war hier nur noch drückender. Meine Kollegen hatten die wildesten Ideen, von einem Pool in der Mitte des Schalterraumes schwärmten sie ebenso wie von jeder Menge Eis vom Italiener schräg gegenüber. Die Kunden, die einfach nur schnell ihre Bankgeschäfte machen wollten, schienen es auch wirklich eilig zu haben. Vielleicht erhofften sie sich die Abkühlung in den nahe gelegenen Kaufhäusern, soweit deren Klimaanlagen liefen.
Aber nun war für mich Feierabend, und ich bedauerte die Kollegen wahrlich, die noch bis Schalterschluss bleiben mussten. Kaum hatte ich die Bank verlassen, entledigte ich mich meiner Krawatte, das war eher ungewöhnlich für mich, denn üblicherweise ließ ich sie an. Mein erster Weg ging in Richtung des Eisverkäufers. Natürlich war die Schlange lang und ich musste mich gedulden, aber es lohnte am Ende. Die drei Kugeln, die ich mir gönnte, genoss ich am Rand eines Brunnens sitzend. Mein Blick schweifte durch die Fußgängerzone, mit dem geschäftigen Treiben. So manche der Straßentauben saß unweit von mir auf dem Rand des Brunnens und trank gierige Schlucke Brunnenwasser. Mit dem Eis in der Hand beobachtete ich die Menschen. Manche gingen schnell, manche eher gemächlich und allen sah man die Auswirkungen der Hitze an. Schweiß auf der Stirn, Schweißränder unter den Ärmeln der Hemden oder Shirts und der Blick so manches Passanten fiel auf das kühlende Nass des Brunnens.
Ich saß gerade und die erste Kugel Eis verschwand in meiner trockenen Kehle, da hörte ich diese Klänge. Suchend blickte ich mich um, doch ich konnte die Quelle im Gewusel der Stadt nicht eindeutig ausmachen. Während ich mein Eis in meiner rechten Hand hielt, tauchte ich meine Linke kurz ins Nass des Brunnens und kühlte meine Stirn. Dann stand ich auf und schaute nochmals genauer. Die Musik stammte wohl aus einer Querflöte, eine schöne Melodie, mit einem eigentümlichen Rhythmus, irgendwie vertraut. Mein Blick wanderte umher, versuchte durch die Menschen hindurch zu kommen, stolperte einmal an einem Jungen, der quengelnd hinter seiner Mutter herlief und dann sah ich etwas Silbernes im Sonnenlicht blitzen.
Sofort versuchte ich nochmals in die Richtung zu schauen, dann blitzte es wieder, doch einige Schritte vom ersten Blitzen entfernt. Ich setzte mich in Bewegung. Langsam ging ich in Richtung der Musik und des Blitzens. Die Menschen, die durch die Fußgängerzone eilten, schienen sich um die Quelle der Melodie herum zu bewegen, so als sei dort ein Widerstand, den die Masse nicht durchbrechen konnte. Dann endlich hatte ich den Ursprung der Musik erreicht. Auf dem Boden der Straße lag ein offener Kasten, der einer Geige, der Geigenspieler saß auf dem Boden daneben und hielt sein Instrument einsatzbereit. Die Flötenspielerin, es war eine Querflöte, wie ich vermutet hatte, tänzelte mit einer Leichtigkeit, um den am Boden sitzenden Geiger. Sie trug ein leichtes Sommerkleid und flötete diese einzigartige Melodie, die mir vertraut schien und doch unbekannt. Einige der Passanten waren wie ich stehen geblieben, so als wäre dieses musikalische Schild zugleich auch ein Magnet, für manche zumindest. Im Geigenkasten sah ich einige Münzen, ich griff mit der linken Hand in meine Hosentasche und legte einige Münzen hinzu. Der Geiger schien auf seinen Einsatz zu warten, er stand nun auf, die Flötistin hielt kurz inne, dann spielten sie gemeinsam weiter. Ich schloss die Augen, leckte an meinem Eis und genoss diese eindringliche Melodie. Die Geräusche der Stadt, die sich mit diesen harmonischen Klängen vermengten, schienen die Melodie zu ergänzen, zu vervollkommnen. Die Straßenbahn, die eben an der Szenerie vorbeifuhr, das typische Geräusch, wenn sie in diese leichte Kurve fuhr, Metall auf Metall, dazu das Bimmeln, weil einige Passanten weiter vorne vermutlich zu nahe an den Gleisen waren. Die Querflöte, die Geige, dann das Gewirr von Stimmen, hier ein Pärchen, das sich darüber unterhielt, wo es als nächstes hinwollte. Es war etwas von Ringen die Rede, suchten sie Hochzeitsringe oder doch nur Schmuck für sie oder ein Geschenk für die Schwiegermutter? Das Kind, welches offensichtlich die Schaufensterdekoration des Kaufhauses gesehen hatte und nun mit einem einfachen Schau mal der Mutter zu verstehen gab, das will ich haben, unbedingt. Eine Fahrradklingel, die Geige, die Querflöte. Alles passte. Kurz öffnete ich die Augen, nahm die beiden Straßenmusiker ins Visier, die vor mir dieses wundervolle Konzert veranstalteten. Mein Eis, es war geschmolzen und lief bereits meine Hand herunter. Schnell wischte ich es mit einem Taschentuch ab und warf die Eistüte in einen Mülleimer in der Nähe. Dann schloss ich meine Augen wieder, lauschte den Klängen der Musik und der Stadt. Ein Autohupen war zu vernehmen, das musste aus der Querstraße der Fußgängerzone stammen. Das Gurren einiger Tauben, Stimmengewirr, die Querflöte, die Straßenbahn, die Geige. Nun verstand ich die Melodie, es war auch zu einfach, ich kannte sie, diese Musik. Es war die Melodie meiner Stadt.

Diese Kurzgeschichte ist für die Duftenden Sommer-Literetten für den ersten Literamat der Pflaz in Queichhambach entstanden.

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